Der Baumaschinen- und Krankonzern Liebherr vollzieht einen strategischen Schwenk, der in der Branche für Aufsehen sorgt: Erstmals steigt das Unternehmen in das Segment der All-Terrain-Krane (AT) ein. Bislang konzentrierte sich Liebherr auf Mobilkrane mit Gitterausleger, Raupenkrane und City-Krane – die AT-Sparte war für den Konzern Neuland. Mit diesem Schritt positioniert sich Liebherr direkt gegen etablierte Wettbewerber wie Tadano, Grove und Terex, die seit Jahrzehnten den AT-Markt dominieren.

Was unterscheidet AT-Krane von klassischen Mobilkranen?

All-Terrain-Krane kombinieren hohe Mobilität mit flexibler Einsatzfähigkeit: Sie sind straßentauglich, benötigen keine Sondergenehmigungen für den Straßentransport und können dank Allradantrieb sowie Allradlenkung auch auf unbefestigtem Gelände operieren. Im Unterschied zu LTM-Mobilkranen (Liebherr Telescopic Mobile), die primär für den Straßeneinsatz konzipiert sind, verfügen AT-Krane über ein robusteres Unterwagen-Konzept und höhere Geländegängigkeit.

Die Tragfähigkeit von AT-Kranen reicht typischerweise von 40 bis über 1.200 Tonnen. Sie kommen zum Einsatz, wenn schwere Lasten in schwierigem Terrain bewegt werden müssen – etwa im Industrieanlagenbau, bei Windkraftmontagen oder im Infrastrukturbau. Der Teleskopausleger ermöglicht schnelles Aufbauen ohne aufwändige Gitterkonstruktion, was Rüstzeiten deutlich reduziert.

Liebherrs strategische Neuausrichtung im Krangeschäft

Der Eintritt in das AT-Segment ist kein isolierter Schritt, sondern Teil einer umfassenderen Produktstrategie. Liebherr hat in den vergangenen Jahren seine Kransparte kontinuierlich diversifiziert: Neben den klassischen LTM-Mobilkranen und Raupenkranen etablierte der Konzern erfolgreich die kompakte City-Crane-Reihe für urbane Einsätze – wie zuletzt die Auslieferung des dritten Liebherr AC 3.045-1 an Markewitsch zeigte.

Mit dem AT-Kran schließt Liebherr nun eine Lücke im Portfolio, die insbesondere für Kunden relevant ist, die ihre Flotten aus einer Hand beziehen möchten. Bislang mussten Großkunden, die sowohl LTM- als auch AT-Krane benötigten, auf mehrere Hersteller zurückgreifen. Die Integration einer AT-Linie in das Liebherr-Programm könnte die Kundenbindung stärken und Synergien bei Service, Ersatzteillogistik und Schulungen schaffen.

Technologische Differenzierung: Was bringt Liebherr mit?

Obwohl Details zur konkreten technischen Ausführung des neuen AT-Krans noch nicht vollständig veröffentlicht sind, lässt sich aus Liebherrs bisherigen Entwicklungen ableiten, welche Technologien der Konzern in das neue Segment einbringen könnte. Liebherr ist bekannt für seine Expertise in hydraulischen Systemen, Kransteuerungen und Sicherheitstechnologien.

Zu erwarten sind Innovationen in folgenden Bereichen:

Kransteuerung und Automatisierung

Liebherr hat in den vergangenen Jahren erheblich in digitale Kransteuerungen investiert. Assistenzsysteme wie automatische Überlastsicherung, dynamische Lastmomentbegrenzung und präzise Joystick-Bedienung gehören zum Standard. Bei einem AT-Kran könnte Liebherr Systeme integrieren, die Telematik-Daten in Echtzeit analysieren und Kranfahrern optimierte Arbeitsparameter vorschlagen – ähnlich wie bei der Telematik-Offensive, die Liebherr kürzlich für seine Vertriebspartner startete.

Antriebstechnologie und Emissionsklassen

Liebherr hat sich mehrfach zur Diesel-Technologie bekannt, etwa bei der Entscheidung, Bagger vorerst mit Dieselantrieb auszustatten. Für AT-Krane ist der Dieselantrieb derzeit alternativlos, da Elektro- oder Wasserstoffantriebe bei dieser Fahrzeugklasse noch nicht marktreif sind. Allerdings dürfte Liebherr auf Stage-V-konforme Motoren mit SCR-Katalysator und Dieselpartikelfilter setzen, um Emissionen zu minimieren.

Sicherheit und Bedienkomfort

Moderne AT-Krane müssen höchste Sicherheitsstandards erfüllen. Liebherr verfügt über langjährige Erfahrung mit ROPS-Kabinen, Notabschaltsystemen und redundanter Hydraulik. Zudem ist zu erwarten, dass der neue AT-Kran über Kamerasysteme, Kollisionswarner und eine Fernsteuerung verfügt – Technologien, die bei Liebherrs Mobilkranen bereits Standard sind.

Marktumfeld: Wie reagiert der Wettbewerb?

Der AT-Kranmarkt ist hart umkämpft. Tadano (ehemals Faun) und Grove (Manitowoc) halten seit Jahrzehnten führende Positionen. Terex und XCMG drängen aus dem asiatischen Raum verstärkt in europäische Märkte. Liebherrs Eintritt erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem der Kranmarkt durch steigende Anforderungen an Emissionsstandards, Digitalisierung und Flottenmanagement neu strukturiert wird.

Insbesondere die Digitalisierungsanforderungen spielen eine zentrale Rolle: Auftraggeber erwarten zunehmend integrierte Telematiklösungen, vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) und nahtlose Integration in BIM-Systeme. Liebherr könnte hier mit seinem technologischen Vorsprung punkten, den der Konzern in anderen Sparten – etwa bei Erdbaumaschinen – bereits unter Beweis gestellt hat.

Zudem profitiert Liebherr von seiner globalen Service-Infrastruktur. AT-Krane sind komplexe Maschinen, die regelmäßige Wartung, Ersatzteilversorgung und technischen Support erfordern. Die weltweite Präsenz von Liebherr könnte sich als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen – insbesondere gegenüber asiatischen Herstellern wie XCMG oder SANY, die zwar preisaggressiv agieren, aber noch an ihrer Serviceinfrastruktur arbeiten.

Internationale Expansion: Ghana als Beispiel

Liebherrs Kransparte expandiert gezielt in Schwellenmärkte. Die jüngste Auslieferung eines Mobilkrans nach Ghana zeigt, dass der Konzern auch in Afrika Fuß fasst. AT-Krane könnten für solche Märkte besonders attraktiv sein, da sie aufgrund ihrer Geländegängigkeit und Vielseitigkeit ideal für Infrastrukturprojekte in Regionen mit schlechter Verkehrsanbindung sind.

Finanzierung und Vertrieb: Eigene Finanzierungstochter als Hebel

Ein weiterer strategischer Schachzug könnte die Integration des AT-Krans in Liebherrs Finanzierungsmodelle sein. Wie Sennebogen kürzlich mit der Gründung einer eigenen Finanzierungstochter gezeigt hat, können maßgeschneiderte Leasingmodelle ein entscheidender Verkaufshebel sein. Liebherr verfügt bereits über umfangreiche Finanzierungsangebote; der AT-Kran könnte in Paketlösungen eingebunden werden, die Kunden den Zugang zu modernster Technik erleichtern.

Einschätzung: Was kommt als Nächstes?

Liebherrs Eintritt in das AT-Kran-Segment ist mehr als ein Produktlaunch – es ist ein Signal an den Markt, dass der Konzern seine Kransparte ganzheitlich aufstellt. Die Kombination aus technologischer Kompetenz, globaler Serviceinfrastruktur und strategischer Diversifikation könnte Liebherr innerhalb weniger Jahre zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber im AT-Segment machen.

Offen bleibt, in welcher Tonnageklasse Liebherr einsteigt. Wahrscheinlich ist ein Einstieg im mittleren Segment (80 bis 250 Tonnen), da hier das größte Marktvolumen liegt. Weitere Details zur technischen Spezifikation, Markteinführung und Preisgestaltung dürften auf den kommenden Fachmessen – etwa der bauma 2025 – bekannt gegeben werden. Bis dahin bleibt die Frage, ob Liebherr den AT-Kran als Eigenentwicklung präsentiert oder auf Kooperationen setzt, um schneller Marktanteile zu gewinnen.

Für Flottenmanager und Einkäufer bedeutet der Schritt jedenfalls eine neue Option: Ein integriertes Kranportfolio aus einer Hand, kombiniert mit Liebherrs Reputation für Qualität und Langlebigkeit. Ob das ausreicht, um etablierte Anbieter unter Druck zu setzen, wird sich in den kommenden 24 Monaten zeigen.